Bericht vom Schreibtisch: Erste Auszüge aus Melonenzeit

Die Fertigstellung von Melonenzeit schreitet voran, deshalb hier bereits einige kurze Textauszüge des neuen Buches:

„Ich fürchte, ich habe mich bei meinem Kollegen angesteckt.“ Pippa, eigentlich „Penelope“, wirft mir einen leicht panischen Blick zu.
„Womit bitte?“ frage ich und drücke auf die Klingel, über der ein blank poliertes Klingelschild mit der Aufschrift „Hier wohnen Johanna, Thomas und Mathilda Wagner“ prangt. Pippa und ich sind auf dem Weg zu unserem wöchentlichen Mädelsabend und haben einen kleinen Abstecher zu Johanna gemacht, von der wir, seit sie Mutter einer kleinen Tochter geworden ist, nur noch sporadisch etwas gehört haben.
Pippa und Johanna kenne ich seit der ersten Klasse und sind seit dem nicht mehr zu trennen. Pippa sieht groß, vital und kräftig aus, mit roten Wangen und dichtem Haupthaar. Johanna dagegen ist Pippas und mein personalisiertes schlechtes Gewissen. Mit ihrer schlanken und sportlichen Figur, ihrer immer perfekt sitzenden Frisur und ihrer perfekten Partnerschaft mit Thomas, gekrönt von ihrer kleinen Tochter Mathilda, erblassen wir immer wieder vor Neid und Ehrfurcht vor ihrer Perfektion. Vor meinem inneren Auge tauchen Bilder der kleinen Familie auf. Johanna in einem schrecklich pastelligen Kleid mit zarten Blumenprint schiebt Mathilda in einem kleinen rosa Kleidchen in einem weißen Kinderwagen eine sonnige Kastanienallee entlang. An ihrer Seite Thomas, der ihr liebevoll den Arm um die Schulter gelegt hat und einen schmachtenden Blick auf seine Tochter wirft. Wie bei Rosamunde Pilcher, denke ich verzückt.
„Was ist?!“ Jäh werde ich aus meiner Vorstellung gerissen. Johanna hat die Tür aufgerissen und steht in einer fleckigen Jogginghose mit fettigen Haaren und einer breiigen Substanz auf ihrer Wange vor uns. Im Arm hält sie Mathilda, die mit rotem Gesicht aus Leibeskräften in einer unerträglichen Lautstärke brüllt.
„Ähm…ist Johanna da?“
„Sehr witzig.“

*

„Vielleicht fällt dir etwas ein, dass wir tun können“, sage ich versöhnlich, denn Johannas Mund hat sich zu einem gestressten kleinen Strich verzogen.
„Außer wickeln.“ Pippa dreht sich um und verzieht angewidert das Gesicht.
„Ihr könntet mir bei den Planungen für die Taufe helfen und mich vielleicht zu dem einen oder anderem Termin von Mathilda begleiten.“
„Sehr gern! Was hat denn die kleine Mathilda schon für Termine?“ fragt Pippa und beugt sich über Mathilda, die sich sofort an Pippas Halskette festklammert und kräftig daran zieht. Pippa gibt einen leisen Würgelaut von sich.
„Vorstellungsgespräche“, murmelt Johanna. „Und die anderen üblichen Sachen.“
„Vorstellungsgespräche?“ frage ich verblüfft. „Sie kann doch noch nicht einmal sprechen!“
„Für Kindergartenplätze natürlich“, sagt Johanna.
„Natürlich“, sagen Pippa und ich fast gleichzeitig und schauen uns ungläubig an.
„Und was sind die üblichen anderen Sachen?“ wage ich zu fragen.
Johanna zuckt mit den Schultern. „Baby-Schwimmen, Baby-Früherziehungsmusikstunde, Baby-Yoga und so weiter. Ihr wisst schon.“
„Ich dachte, man legt die Kinder einfach in so einen Laufstall und hofft auf das Beste?“ frage ich mit ironischem Unterton und ernte sofort missbilligende Blicke von Johanna und Pippa.
„Mila! Wie kannst du nur!“
Anscheinend hört bei Babys der Humor auf, denke ich.

*

„Du musst mir alles erzählen … und wir brauchen Sekt … oder …“, ich blicke mich suchend in unserer Küche um und entdecke nur zwei Flaschen Becks. „… oder Bier.“
Paul greift sich die Flaschen und wir setzen uns an den Küchentisch, von dem Paul sofort unruhig wieder aufspringt und durch die Küche tigert. Mit einem eleganten Schwung öffne ich die Flaschen an der Tischplatte. Paul nickt mir sichtlich beeindruckt zu. Bierflaschen an einer Tischplatte zu öffnen ist eine der Fähigkeiten, die ich in der Oberstufe gelernt und bisher, im Gegensatz etwa zur Stochastik oder der Interpretation von Effi Briest, immer wieder gebrauchen konnte.

*

„Das Wohnmobil … ein niederländisches Kennzeichen …“ keuche ich ein wenig außer Atem. „Ist es …? Ist sie …?“
Paul nickt und verdreht genervt die Augen. „Ja, sie ist seit einer Stunde hier.“
Und dann taucht sie hinter Paul im Flur auf. Ich bleibe wie angewurzelt stehen. Vor mir ragt meine Tante Theodora auf. Groß und majestätisch. Sie sieht aus wie König Willem-Alexander. Blond, rotwangig und gut genährt. Allerdings hat sie im Gegensatz zu Willem-Alexander einen blonden Damenbart auf der Oberlippe.
„Mila!“ Sie kommt auf mich zu und presst mich gegen ihren Busen.

*

Erscheinungstermin: bald …

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