Es geht voran: Labskaus ist Liebe

Es geht voran: Labskaus ist Liebe

Ein kurzer Zwischenstand vom Schreibtisch: Bei Labskaus und Friesentee schreibe ich fleißig an meinem Sommerroman, hier ein kleiner Auszug:

Liebe Sarah,

wenn Du dies liest, dann werde ich tot sein.

Ich gehe davon aus, dass nur Du an meiner Beerdigung teilgenommen hast, während von der restlichen Familie – diesen Schwachköpfen – sich niemand hat blicken lassen.

Deshalb habe ich auch Dir mein Woll- und Strickimperium vermacht. Ich glaube, Du bist die Einzige in meiner Familie, die etwas taugt. Leider bist Du von dem meiner Meinung nach einzig richtigem Weg abgekommen. Um Dir den richtigen Weg zu weisen, werden noch weitere postmortale Erbauungsbriefe von mir mit zahlreichen nützlichen Ratschlägen folgen. Zu Lebzeiten hast Du nie auf mich gehört, und so hoffe ich, dass Du in Deiner sicher unermesslichen Trauer um mich etwas fügsamer sein wirst.

Bitte such Dir endlich einen passenden Mann.

Herzliche Grüße an meine verschrobene Urenkelin Madeleine.

In Verbundenheit

Deine verstorbene Großmutter

Elisabeth

*

Im Wartezimmer, das nach einer Mischung aus Hund und Heu roch, saß die alte Dame mit dem Rollator, die ich schon auf der Beerdigung meiner Oma gesehen hatte. Sie war in eine Fitnesszeitschrift mit dem Titel „6 Wege, wie Sie erfolgreich Ihr Armfett loswerden“ vertieft. Sie hatte kein Tier bei sich.

„Wo ist denn ihr Tier?“

„Keine Ahnung, vielleicht hat sie eine kleine Haselmaus in der Jackentasche? Oder einen Salamander am Rollator kleben?“ schlug ich vor.

„Ich komme immer her, um die spannenden Zeitschriften zu lesen.“ Die Alte war zwar schlecht zu Fuß, aber das Gehör schien einwandfrei zu funktionieren.

„Entschuldigung“, murmelte Maddie.

„Wer seid ihr denn, ihr jungen Dinger?“ Sie schien uns unsere Flüsterei nicht krumm zu nehmen.

*

„Ich darf Sie und Ihre Tochter nun im Namen von uns allen herzlich willkommen heißen. Wir haben Sie ja nie zu Gesicht bekommen, wir dachten immer, Ihre Oma versteckt Sie vor uns, weil wir ihr peinlich sind.“ Sie blickte mich anklagend an.

„Öh …“

„Wir dachten, es sei anders herum“, sprang mir Maddie bei.

Mit der Erklärung schien sie zufrieden zu sein.

„Ich bin die Bürgermeisterin von Sterndiek und …“

Ein Mann mit sehr roten Wangen und einem gezwirbelten Schnauzbart drängte sich neben sie. „Im Namen des Zuchtsauvereins von Sterndiek möchte ich euch herzlich begrüßen. Als Willkommensgeschenk möchte ich euch diese 5 Kilo geräucherten Hinterschinken überreichen. Die Wurzeln des Zuchtsauvereins reichen bis ins späte 16. Jahrhundert zurück und bereits damals wurde …“

Er drückte mir ein eingeschweißtes Paket in die Arme, unter dem ich sofort zusammensackte, und erzählte nahtlos über den Zuchtsauverein weiter.

„Hinnerk, ich war noch nicht fertig!“ unterbrach ihn die Bürgermeisterin laut. Die Blaskapelle schmetterte einen lauten und langen Trompetenton, um dann in ein unmelodisches „Humptata, humptata“ überzugehen. Maddie und ich hievten den Hinterschinken auf die Motorhaube, um ihn dort vorsorglich abzulegen.

Sommer 2016 …

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